Mittwoch, 30. april 2008

Wir haben den Untergang Trojas und damit Buch zwei von zwölf schon fast geschafft.

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen motivationsarm; schließlich lesen wir aus Spaß an der Freud, oder? Ein wenig Begeisterung von mir zu erwarten, daran hast du dich, lieber Mitleser, vermutlich (hoffentlich!) gewöhnt.

Um mit der Wahrheit herauszuplatzen: Ich habe ein Problem mit der Kreusa-Episode; nämlich: sie gefällt mir nicht, die Episode. Ich finde sie grottenschlecht. Punktum. Da hänge ich mich natürlich weit aus dem Fenster. Wer bin ich denn, dass ich an Vergil herumkrittele? Aber Blogger dürfen ja so gut wie alles schreiben, deshalb bin ich mutig: Wer ich bin? Jemand, der die Aeneis so faszinierend findet, dass ihm ihre paar Schwachstellen fast schon körperlich wehtun. Es mag ja sein, dass ich einfach noch nicht den rechten Zugang zum Ende von Buch 2 gefunden habe (Wer will helfen? Bitte Kommentar schreiben!), aber mir stellt sich die ganze Geschichte plump als schriftstellerisches Problem mit 08-15-Lösung dar:

Problem: Kreusa muss weg. Aeneas wird als Single gebraucht, erstens für die sich anbahnende Affäre mit Dido (Vergils Idee), und zweitens für die Verheiratung mit der ortsansässigen Königstochter im Gelobten Land (Sagentradition, Verbindung Trojaner-Ureinwohner als Ursprung Roms). Implikationen des Problems: Aeneas darf nicht als herzlos dastehen und Kreusa einfach abschreiben; denn er ist pius, und dazu gehört auch, dass er ein liebender, treusorgender Ehemann ist. Retten kann er Kreusa aber auch nicht, wg. siehe oben.

Lösung: Er verliert Kreusa im Gewühl, rettet erst mal Vater, Sohn und Penaten, und geht dann heldenmutig zurück in die brennende Stadt, um seine Frau zu holen. Wie lange soll er nach ihr suchen? Stundenlang, tagelang, bis es zu spät ist? Geht nicht. Wie wär’s mit einer Erscheinung? Klar, machen wir: Kreusa darf als Untote noch einmal auftreten; echt genug für einen Dialog zwischen liebenden Eheleuten, aber ein wenig überlebensgroß, damit der Leser weiß, dass Kreusa nicht mehr ganz echt und die Sache für sie gelaufen ist. Als frisch gebackener Geist schickt sie Aeneas weg und verrät ihm sogar (Wo haben die Geister eigentlich immer alle diese Informationen her?), dass eine andere Frau für ihn schon bereitliegt. Edel. Und Aeneas, damit auch ja klar ist, wie sehr er Kreusa retten will, grabscht noch ein paar Mal nach dem Geist, der sich, geistertypisch, nicht grabschen lässt – und geht dann ab, was soll er auch machen.

Das ist sauberes schriftstellerisches Handwerk, aber – sorry, Vergil! – mehr auch nicht. Wenn man das Handwerk bemerkt, wenn man das Klappern der Maschine hört, dann ist es nicht gut.

Jetzt habe ich vor lauter Beckmessern die Highlights des Textes fast unterschlagen: Allen voran das Kunstgeschichte gewordene Bild von Aeneas mit Papa Anchises auf den Schultern, der die Penaten hält (Aeneas darf sie, frisch vom Kampf, nicht selbst anfassen, weil er kultisch unrein ist: Das ist ein rechter Ahnherr für die Römer, die immer stolz darauf waren, Weltmeister im Beachten religiöser Vorschriften zu sein), Sohn Iulus an der Hand, Kreusa hintendran (mal nach Federico Barocci googeln). Oder das Elmsfeuer um Iulus’ Haare und der anschließende Meteoriteneinschlag. Oder, mein Favorit, die Szene am Junotempel, wo Odysseus (ausgerechnet!) und Phoenix, Achills Gefährte, während es draußen noch brennt, schon mal ganz buchhalterisch-sachlich die Beute verwalten.

Nun gut; es dämmert der Morgen, Troja ist nicht mehr. Aeneas findet am verabredeten Treffunkt zu seiner Überraschung eine ganze Menge Volk, die mit ihm ziehen will. Buch 3 kann beginnen.

Das Buchende will ich nutzen, um auf einer Unterseite die besprochenen Stellen mit Verszahlen zu indizieren, falls mal jemand gezielt suchen möchte. Meine Überschriften („Artikel kann nicht gespeichert werden. Überschrift fehlt.“) sind möglicherweise nicht immer hilfreich. Buch 3 dann in Kürze!

von Caveat Lector
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Kommentare

Ich verstehe Dein Problem mit dem Ende des 2. Buchs, ich persönlich finde es schlicht zu lang(weilig).
Mein Senf zur Creusa-Szene:
In der Aeneis geht es regelmäßig um die therapeutische Wiederholung von Erlebtem, bis dieses endgültig überwunden ist. (Etwas vom Grauen der nie enden wollenden Bürgerkriege mag damit exorziert worden sein.) Dazu gehört vornehmlich das Korrigieren bzw. Nachholen von tragischen Fehlern und Versäumnissen, nicht zuletzt durch Rückkehr, und das ist nicht selten mit dem Bild des Abstiegs in die Unterwelt gekoppelt: Die nochmalige Begegnung mit Dido etwa explizit: in der Unterwelt, oder hier - am Ende des 2. Buchs - die Begegnung mit dem Geist Creusas, die der Orpheus-und-Eurydice-Szene der Georgica verwandt ist. (Creusa hieß sogar in der Tradition bisweilen Eurydice, womit Vergil spielt.)
Zugleich steht ihr Verlust in einer ganzen Reihe: Ende 3. Buch: Anchises, Ende 4. Buch: Dido, Ende 5. Buch: Palinurus, Ende 6./Anfang 7. Buch: Caieta.
Dass Vergil konstruiert, ist klar. Dass dies manchmal augenfälliger wird, mag ihn weniger gestört haben als uns.
Kommentarnr 1 gepostet von ucalegon (Verg.) am 1.05.2008 à 20h17
Ah, danke für diesen inspirierenden Hinweis! Dieses Motiv der Rückkehr als Therapie leuchtet mit ganz ein, Das passt sehr gut zu Aeneas' Charakter als treuem Abarbeiter von Verpflichtungen -- sozusagen der Gegenheld zu unseren aktuellen Vorstellungen von "Go West, never look back" etc. Ist ja kein Wunder, dass das gelegentlich langweilig erscheint; wir sind ja sozusagen auf andere Erwartungen programmiert. Gezuckt habe ich beim Begriff "tragisch". Nach meiner Überzeugung ist Aeneas gerade nicht tragisch, im Gegensatz etwa zu Dido. Aber an dieser einzelnen Szene: Hm, ja, der Verlust Kreusas war prinzipiell vermeidbar, aber als Resultat einer menschlichen Unvollkommenheit konsequent. Ja, kann man so lesen!
Prinzipiell habe ich gar nichts gegen Konstruktionen; die sehe ich durchaus als künstlerische Qualität -- wenn man, wie gesagt, die Maschinerie nicht so hört und die Fäden nicht so sieht. An solchen Stellen tröste ich mich immer mit der Vermutung, Vergil hätte im Erlebensfalle noch an der Szene gearbeitet ;). Das wäre hier auch eine leichte Erklärung für die Amnesie Aeneas' im 3. Buch (Hesperien, italisch - nie gehört...).
Hoffe, ich höre noch viel mehr von Dir!
Allerbeste Grüße
Antwort von Caveat Lector am 2.05.2008 à 11h53
Ich sehe gerne "tragische" Facetten des Aeneas (so etwa auch bei der Tötung des Turnus): Da werden wir wohl noch einiges miteinander plaudern. :-)
Bei Creusa spürt man die Maschinerie, ja und leider! Doch selbst wenn Vergil die Szene überarbeitet hätte: Wäre eine andere, bessere Konstellation möglich gewesen? Mir fällt kaum eine bessere Alternative ein; vielleicht bin ich da auch ein wenig phantasielos...
Um die Szene trotz alledem genießen zu können, kann vielleicht eben der Kontrast zu Dido helfen: Für Creusa kehrt Aeneas (trotz göttlicher Anweisungen) in die brennende Stadt zurück, für Dido aber genau nicht, obwohl er das Feuer des Scheiterhaufens in der Ferne sieht, das symbolisch den Untergang Karthagos meint (trotz aller Unterschiede kann dieses wohl parallel zum Flammentod Troias gelesen werden, wie Fenik in einem Artikel gezeigt hat); als er sie dann doch in der Unterwelt trifft, gibt es eben keine Versöhnlichkeit, und das ist in Vergils Konzeption ja bekanntlich (gemeinsam mit Didos Fluch und Iunos Zorn) letztendlich Ausdruck jener unversöhnlichen Gesinnung zwischen Karthago und Italien, die zu den punischen Kriegen (und vielleicht sogar zu Cleopatra bei Actium?) führt. (Demgegenüber dann Creusa als Repräsentantin Troias und letztendlich Italiens: in der augusteischen Kultur wachsen ja Göttermutter Cybele, Venus und vielleicht auch Tellus gerne zusammen.)
Beste Grüße und vielen Dank für den anregenden Blog!! ucalegon
Kommentarnr 2 gepostet von ucalegon am 2.05.2008 à 13h43

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