Mittwoch, 30. april 2008

Wir haben den Untergang Trojas und damit Buch zwei von zwölf schon fast geschafft.

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen motivationsarm; schließlich lesen wir aus Spaß an der Freud, oder? Ein wenig Begeisterung von mir zu erwarten, daran hast du dich, lieber Mitleser, vermutlich (hoffentlich!) gewöhnt.

Um mit der Wahrheit herauszuplatzen: Ich habe ein Problem mit der Kreusa-Episode; nämlich: sie gefällt mir nicht, die Episode. Ich finde sie grottenschlecht. Punktum. Da hänge ich mich natürlich weit aus dem Fenster. Wer bin ich denn, dass ich an Vergil herumkrittele? Aber Blogger dürfen ja so gut wie alles schreiben, deshalb bin ich mutig: Wer ich bin? Jemand, der die Aeneis so faszinierend findet, dass ihm ihre paar Schwachstellen fast schon körperlich wehtun. Es mag ja sein, dass ich einfach noch nicht den rechten Zugang zum Ende von Buch 2 gefunden habe (Wer will helfen? Bitte Kommentar schreiben!), aber mir stellt sich die ganze Geschichte plump als schriftstellerisches Problem mit 08-15-Lösung dar:

Problem: Kreusa muss weg. Aeneas wird als Single gebraucht, erstens für die sich anbahnende Affäre mit Dido (Vergils Idee), und zweitens für die Verheiratung mit der ortsansässigen Königstochter im Gelobten Land (Sagentradition, Verbindung Trojaner-Ureinwohner als Ursprung Roms). Implikationen des Problems: Aeneas darf nicht als herzlos dastehen und Kreusa einfach abschreiben; denn er ist pius, und dazu gehört auch, dass er ein liebender, treusorgender Ehemann ist. Retten kann er Kreusa aber auch nicht, wg. siehe oben.

Lösung: Er verliert Kreusa im Gewühl, rettet erst mal Vater, Sohn und Penaten, und geht dann heldenmutig zurück in die brennende Stadt, um seine Frau zu holen. Wie lange soll er nach ihr suchen? Stundenlang, tagelang, bis es zu spät ist? Geht nicht. Wie wär’s mit einer Erscheinung? Klar, machen wir: Kreusa darf als Untote noch einmal auftreten; echt genug für einen Dialog zwischen liebenden Eheleuten, aber ein wenig überlebensgroß, damit der Leser weiß, dass Kreusa nicht mehr ganz echt und die Sache für sie gelaufen ist. Als frisch gebackener Geist schickt sie Aeneas weg und verrät ihm sogar (Wo haben die Geister eigentlich immer alle diese Informationen her?), dass eine andere Frau für ihn schon bereitliegt. Edel. Und Aeneas, damit auch ja klar ist, wie sehr er Kreusa retten will, grabscht noch ein paar Mal nach dem Geist, der sich, geistertypisch, nicht grabschen lässt – und geht dann ab, was soll er auch machen.

Das ist sauberes schriftstellerisches Handwerk, aber – sorry, Vergil! – mehr auch nicht. Wenn man das Handwerk bemerkt, wenn man das Klappern der Maschine hört, dann ist es nicht gut.

Jetzt habe ich vor lauter Beckmessern die Highlights des Textes fast unterschlagen: Allen voran das Kunstgeschichte gewordene Bild von Aeneas mit Papa Anchises auf den Schultern, der die Penaten hält (Aeneas darf sie, frisch vom Kampf, nicht selbst anfassen, weil er kultisch unrein ist: Das ist ein rechter Ahnherr für die Römer, die immer stolz darauf waren, Weltmeister im Beachten religiöser Vorschriften zu sein), Sohn Iulus an der Hand, Kreusa hintendran (mal nach Federico Barocci googeln). Oder das Elmsfeuer um Iulus’ Haare und der anschließende Meteoriteneinschlag. Oder, mein Favorit, die Szene am Junotempel, wo Odysseus (ausgerechnet!) und Phoenix, Achills Gefährte, während es draußen noch brennt, schon mal ganz buchhalterisch-sachlich die Beute verwalten.

Nun gut; es dämmert der Morgen, Troja ist nicht mehr. Aeneas findet am verabredeten Treffunkt zu seiner Überraschung eine ganze Menge Volk, die mit ihm ziehen will. Buch 3 kann beginnen.

Das Buchende will ich nutzen, um auf einer Unterseite die besprochenen Stellen mit Verszahlen zu indizieren, falls mal jemand gezielt suchen möchte. Meine Überschriften („Artikel kann nicht gespeichert werden. Überschrift fehlt.“) sind möglicherweise nicht immer hilfreich. Buch 3 dann in Kürze!

von Caveat Lector
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Dienstag, 29. april 2008

Beinahe hätte Aeneas die schöne Helena umgebracht! Ja, macht man das? Da kauert sie, ein wehrloses Häufchen Elend, vor dem Tempel, hat Angst vor den Trojanern, denen sie den Untergang der Stadt beschert hat, und ebenso vor den griechischen Siegern, bei denen sie vermutlich auch nicht hoch im Kurs steht. Die soll er mal so eben töten? Hm.

Wir erinnern uns: Helena ist, jedenfalls der Sage nach, der Anlass des Trojanischen Kriegs. Paris, dem die schönste Frau der Welt versprochen worden ist, nimmt Helena von einem Staatsbesuch in Sparta kurzerhand mit nach Hause. Ach, die Liebe! Kompliziert wird die Romanze nur dadurch, dass Helena die Gattin Menelaos’, des Königs von Sparta ist; und der will sie wiederhaben. Sein Bruder Agamemnon, bei dem er sich ausweint, hält Troja zu erobern prinzipiell für eine reizvolle Idee, Schwägerin hin, Schwägerin her, und lässt den Trojanischen Krieg vom Stapel.

So fing das alles an. Aeneas ist sich erstaunlich sicher in seinem Urteil: Die Dame ist an den zehn Jahren Krieg, an den ganzen Leiden und den eben erst erlebten Gräueln schuld, und dafür muss sie mit ihrem Leben büßen. Ein Held würde Aeneas durch die Vollstreckung nicht, so viel ist ihm immerhin klar; aber er hätte doch die Genugtuung, das Richtige getan zu haben.

Dank Venus’ Eingreifen bleibt uns zunächst die Frage erspart, ob es denn "das Richtige" gewesen wäre. Na ja, so ganz vom Tisch ist die Frage aber nicht. Hätte er gedurft? Hätte er gesollt? Und an den Autor gerichtet: Hätte er dürfen sollen?

Vom einundzwanzigsten Jahrhundert aus ist das Ansinnen befremdlich, gelinde gesagt. Man tötet keine wehrlose Frau (also erstens wehrlos, zweitens Frau). Man lässt seinem Zorn nicht einfach seinen Lauf, wenn man vorbildlicher Hauptheld sein will. Vergeben ist göttlich. Und überhaupt, die Schuldfrage: So’n bisschen Ehebruch. Hätte Menelaos sich mal nicht so gehabt! Können wir aus unserem Jahrhundert raus?

Vielleicht, unter Umständen, hätte Aeneas tatsächlich gedurft, gesollt, dürfen sollen. Es wäre, das weiß er ja, keine Heldentat gewesen sondern eine Hinrichtung, sein Ruhm der eines Scharfrichters. Und dass Vergil Aeneas zornig sein lässt, das wird uns noch öfter unterkommen. Nicht als tragic flaw, als Charakterfehler, obwohl man das heute gern so hineinliest (wir mögen ja Helden mit Ecken und Kanten), sondern mehr so als Treibstoff für die Erledigung unangenehmer Dinge, die getan werden müssen. Davon kommt noch einiges; die Helenaszene soll uns wohl, vermute ich, darauf vorbereiten.

Immerhin, Vergil erspart uns hier die Konsequenz. Gottseidank!!! Mal ehrlich, hätten wir uns noch zehn weitere Bücher mit dem Helenakiller als Hauptfigur geben wollen? Das wäre vermutlich auch schon vor 21 Jahrhunderten eine Zumutung gewesen. Also noch mal: Venusseidank! Venus hat ja auch allen Grund, das Schlimmste zu verhüten. Immerhin hat sie gehörig Dreck am Stecken (Parisurteil, schönste Frau der Welt), und die Dummheiten, die Mensch aus Liebe macht, sind nun mal ihr Metier.

Interessant ist, wie sie Aeneas die Bluttat ausredet:

Erstens: Wolltest du nicht gerade deine Familie retten gehen? Das ist, glaube ich, ein Trick, um Aeneas auf andere Gedanken zu bringen; Venus ist nicht über Tricks erhaben. Wie lange hätte so ein Racheakt gedauert? Vermutlich nicht so lange wie Aeneas’ Reaktion auf

Zweitens: Suche die Schuld nicht bei einer Einzelnen. Hier geschieht etwas in Dimensionen, von denen du keine Ahnung hast! Das ist, glaube ich, kein Trick und auch nicht die begrenzte Perspektive der Venus; das stimmt einfach. Zum Beweis lässt Venus das Erdenkind die anderen Dimensionen sehen; eine grausig-schöne Szene: Riesige feindliche Götter sind da plötzlich zuwerke und zerstören Troja wie ein Pappmodell; sogar der Weltenherrscher macht mit, wenn auch nur als Einheizer.

Das wirft natürlich gleich die nächste Frage auf: Gibt es dann etwa gar keine Schuld, nur Fatalismus? Sind die Menschen nur Spielball der Götter? Das kann ja auch wieder nicht sein. Nicht wenn die Aeneis ein Hoheslied der Pflichterfüllung darstellt, und das haben wir ja schon verstanden. Aber dass es Abstufungen von Schuld gibt, dass die Tat selbst zu beurteilen ist, nicht die Summe ihrer unvorhersehbaren Konsequenzen, damit kann sich wohl auch modernes Rechtsempfinden anfreunden. Helena war Auslöser, aber nicht Hauptschuldige. Das will, so reime ich es mir zusammen, die Szene sagen.

Also hätte Aeneas doch nicht gesollt. Schön. Er hat wieder das Richtige getan.

von Caveat Lector
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Montag, 28. april 2008

Kriegsfilme haben ihre eigene Ästhetik. Sie geht nicht so an mich, wohlgemerkt, aber ich kann den künstlerischen Einsatz von Blut durchaus würdigen, wenn es nicht gerade in Richtung des Splatter-Genres geht. Dafür braucht man wohl ein ganz eigenes Gemüt, jedem das Seine.

Vergils literarische Behandlung dieser Körperflüssigkeit wirkt stärker auf mich. Insbesondere dieser eine Vers verfolgt mich:

...et in multo lapsantem sanguine nati“

„...wie er schwankt' in vielem Blute des Sohnes“

Voß übersetzt sehr dezent. Da wird nicht geschwankt (wie sollte Blut zum Schwanken führen?); da wird ausgerutscht, und zwar immer wieder (lapsari als Iterativum zu labi, gleiten, rutschen), auf der schmierigen roten Substanz, zu der auf die Erde vergossenes Menschenblut wird. So nah liegen Horror und Slapstick beieinander!

Warum das stärker wirkt (auf mich) als eine Filmszene, ist, glaube ich, schnell erklärt: Die visuelle Präsentation zielt nur, oder doch primär, auf die Instinkte, speziell unseren einprogrammierten Grusel vor Blut, wenn es die vorgeschriebenen Bahnen verlässt; ein durchaus nützlicher Instinkt, den man Medizinstudenten oft erst mühsam abgewöhnen muss. Das Wort aber adressiert die Ratio zugleich mit den Instinkten, unsere reflektierten ethischen Kategorien zusammen mit dem Bauchgefühl. Und das macht dem Gehirn richtig Arbeit:

Der alte Mann: Priamos ist bei Vergil richtig alt, tatterig, tüdelig. Der zieht zitternd seine Rüstung an und „stürzt“ sich in den Kampf. Darüber könnte man wohl eine Landserkomödie schreiben, und auch bei Vergil reizt die Szene zum Lachen. Die Sorte Lachen natürlich, die einem knödeldick im Hals stecken bleibt. Ehrfurcht vor dem Alter ist vielleicht nicht so sehr en vogue, aber selbst der Abgebrühteste wird die schreiende Absurdität spüren, mit der hier die (durchaus sympathische) Autoritätsfigur, Herrscher einer uralten Stadt, Chef eines riesigen Clans, demontiert wird: Opa will kämpfen, und Oma zieht ihn diskret auf die Parkbank, zum Ausruhen.

Der Vater: Priamos ist hilfloser Zuschauer beim Abschlachten seiner Kinder. Hektor hat er damals von der Loge aus leiden und sterben gesehen. Jetzt sitzt er in der ersten Reihe; der junge Polites wird vor seinen Augen hingerichtet. Als Vater bin ich überzeugt, dass nichts Schlimmeres passieren kann. Kinder sind gut gegen Egozentrik. Der eigene Tod (und ich hänge durchaus am Leben) verliert seinen Schrecken: solange man nur nicht seine Kinder überlebt, geschweige, ihnen beim Sterben zuschauen muss!

Der Ritter von der traurigen Gestalt: All dies kulminiert in dem oben zitierten Vers: Der alte Trottel will gegen das Muskelpaket kämpfen, das gerade seinen Sohn ins Jenseits befördert hat, und rutscht herum wie ein Stummfilmkomödiant auf Schmierseife – nur dass die Schmierseife das Blut des eigenen Kindes ist.

Und auf der anderen Seite das Kampfschwein: Pyrrhus/Neoptolemos. Die reine, unverdünnte Lust am Töten. Die konsequente Steigerung seines Vaters Achill. Auf den beruft sich, rührend, Priamos. Achill hatte, wiewohl kindlich-unreflektiert, auch noch ein Herz. Aber wer im Kampf Skrupel zeigt, hat schon verloren. Spaß machen muss das Gemetzel, wenn es gelingen soll. Kinder, alte Männer, Söhne, Väter? Pfeif drauf!

Und der Zuschauer, Aeneas: Der denkt beim Anblick der Gräuel an seine eigene Familie: seinen alten Vater, seine Frau, sein Kind. Wem das beim Horrorfilmgucken auch immer noch unterläuft, der möge mit mir weiterlesen. Vielleicht ist das unsere Aeneis.

von Caveat Lector
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Sonntag, 27. april 2008

Nun ist es soweit: Die Iliupersis, das Excidium Troiae: Troja geht unter.

Aeneas nimmt uns mit auf die surreale Nachtreise durch die sterbende Stadt. Beeindruckend, neben den drastischen Schilderungen von Kampf und Brand, die Bilder in seinem Kopf: Ein Unwetter zerstört Felder, ein reißender Bach (später, in einem ganz ähnlichen Bild, ist es dann schon ein Strom) verschwemmt die Saaten. Ackerbau heißt Zivilisation. Chaos siegt über den menschlichen Kosmos.

Und Aeneas darf, ein letztes Mal, ein richtiger homerischer Held sein: Kämpfen will er, und kämpfend sterben. Ein existenzieller Befreiungsschlag angesichts der Vergeblichkeit allen Mühens. So haben wir unsere Helden gern, jedenfalls in Büchern oder auf DVD.

Eine prima Zitatensammlung für echte Helden bietet der Text. Wie wäre es mit

pulchrumque mori succurrit in armis

und herrlich erscheint's in den Waffen zu sterben

oder mit dem klassischen Hysteron-Proteron

moriamur et in media arma ruamus

auf, sterben, und stracks in die Waffen gestürzet

oder, gleich darauf

una salus victis nullam sperare salutem

Nur ein Heil ist Besiegten, durchaus kein Heil zu erwarten!

Um Aeneas haben sich Mitkämpfer gesammelt, es gelingen ihnen einige Achtungserfolge gegen die Griechen. Zwischendurch verkleiden sie sich auch noch und ziehen griechische Uniformen an. Aeneas auch? Das erwähnt er nicht; es würde wohl auch nicht recht zu ihm passen. Natürlich kommt es, wie es kommen muss, sie geraten, als sie Kassandra retten wollen, unter Beschuss durch die eigenen Leute, bis die Griechen auch merken, was los ist, und ihnen den Rest geben. Listige Tricks funktionieren immer nur bei den anderen.

Schließlich gelangt Aeneas zum Palast des Priamos, wo sich der Kampf entscheiden wird. Auf Griechenseite wütet Neoptolemos/Pyrrhus, Sohn des Achill – ganz der Papa. Und der kennt keine Gnade, gegen Männer, Frauen, Kinder. Wie Papa, nur schlimmer.

Jetzt ist Priamos dran.

Das Schlimmste kommt noch.

 

von Caveat Lector
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Samstag, 26. april 2008

Verzeihung, lieber Mitleser, falls du länger vergeblich auf die Fortsetzung gewartet hast; das wirkliche Leben hat meine Lektüre etwas gebremst. Vielleicht hast du ja ohne mich schon mal weitergelesen? Spannend genug ist es ja: Troja geht unter!

 

Aber zunächst wird geträumt. Klasse, wie Vergil die Sequenz aufbaut: Es wird Nacht, endlich kann man schlafen, den Göttern sei Dank! (Mir aus der Seele gesprochen!) Doch die Erholung bleibt aus für Aeneas, denn während draußen das Schicksal seinen Lauf nimmt, hat er einen Albtraum. Hektor erscheint ihm, und zwar das Nachher-Modell, nachdem Achill (doch Vieh?) ihn um die Stadt geschleift hat: verdreckt, blutig, entstellt. Und der hat Aeneas zweierlei zu sagen. Erstens:

„ruit alto a culmine Troia“

„...hin stürzt die erhabene Troja!“

Ein einfaches Faktum, kein Diskussionsangebot: Troja war einmal, es ist alles vorbei.

Zweitens:

„Sacra suosque tibi commendat Troia penatis“

„Heiligtum und Penaten vertraut dir Ilios“

Aeneas, du bist auserwählt. Dir sind die Stadtgötter anvertraut; sozusagen die metaphysische Existenz Trojas.

Man kann, wenn man will, lange über diesen Traum spekulieren. Ist das tatsächlich Hektor, der Untote, der hier auftritt (Enter ghost, bei Shakespeare)? Liefert man Aeneas im Schlaf einen göttlichen Tipp? Oder ist das alles psychologisch erklärbar: Aeneasens Unterbewusstes bekommt den einsetzenden Schlachtenlärm mit und beginnt automatisch Schlüsse zu ziehen?

Die Frage ist, will man? Die Traumschilderung ist beeindruckend genug und sie verleiht der folgenden Handlung einen Anstrich des Unwirklichen, Überwirklichen: eine Endzeitvision. Und sowohl für Aeneas als auch für den Leser beginnt eine Idee Gestalt anzunehmen, noch ganz zaghaft: Nach dem Untergang geht’s weiter (Wieso klingt das nach Udo Lindenberg?), und zwar mit dir, Aeneas.

Doch zuerst kommt der Untergang.

 

 

von Caveat Lector
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Dienstag, 22. april 2008

In der Zwischenzeit...

Während also die gutgläubigen Trojaner viele Hexameter lang dem Sinon lauschen, hat Laokoon, der Apollopriester, am Strand mit seinen Söhnen ein Opfer für Neptun (Priestermangel!) vorbereitet. Da passiert es.

Die Geschichte Laokoons, lieber Mitleser, kennst du; mindestens aus der berühmten Laokoongruppe, die in den Vatikanischen Museen steht. Abbildungen finden sich im Netz zuhauf. Ein hünenhafter Vater, das Gesicht verzerrt, kämpft aussichtslos mit der Schlange, daneben zwei zierliche Söhne, die sich der ekligen Übermacht gegenüber kaum noch anstrengen, sondern hilfesuchend zu Papa blicken.

Aber an der Interpretation dieser Gruppe haben sich schon viele berufenere Kunstkritiker versucht. Wie das mit Kunstkritik so ist, changiert das Urteil irgendwo zwischen pathetischem Schund und unübertrefflichem Meisterwerk. Mir gefällt’s...

Aber Literatur liegt mir mehr, deswegen zurück zu Vergil! (Wenn du etwas Fundierteres über das Verhältnis von bildender Kunst und Schriftstellerei lesen willst, sei auf Gotthold Ephraim Lessing verwiesen, der aus ebendieser Laokoongruppe eine ganze Kunsttheorie entwickelt.) Auf das endlose Geschwätz des Sinon folgt eine schnelle, perfekt komponierte Horrorszene:

Horizont, die Insel Tenedos (wo sich die Griechen verstecken), etwas rührt sich im stillen Wasser: Zwei Schlangen ringeln sich Richtung Trojas Strand. Schon sind sie so nahe, dass man sieht, wie sie sich vorn und mit blutrotem Kamm aus dem Wasser heben; man sieht den übrigen Schlangenkörper im Wasser und hört jetzt, wie sie das Meer aufpeitschen. Dann sind sie an Land: Nahaufnahme:

ardentisque oculos suffecti sanguine et igni
sibila lambebant linguis uibrantibus ora.

Und, die entflammeten Augen mit Blut durchströmet und Feuer
Zischen sie beid' und umlecken mit regerer Zunge die Mäuler.

Angenehme Träume! Und wieder Bewegung: Zuerst stürzen die Monster sich auf die Söhne des Laokoon und zerbeißen sie. Der Vater kommt zur Rettung und wird sofort selbst attackiert.

Freeze. Da ist sie, die Laokoongruppe. Der perfekte Moment für einen Screenshot. Trotzdem bleibt der Marmor für mich Kunstbanausen zu kalt und vor allem stumm. Der Text aber bietet den Sinnen etwas: Bewegung, dreckiges Blut, Gift – und einen Höllenlärm: Das Schreien im Todeskampf wird mit einem Vergleich hörbar gemacht, dem Bild eines Opferstieres, den das Beil nicht richtig getroffen hat. Nein, haben wir persönlich noch nicht erlebt, können wir uns aber vorstellen. So schreit ein Mensch, mit dem die Götter ihr Spiel zu Ende getrieben haben. Der Opferpriester ist selbst zum Schlachtvieh geworden.

So plötzlich, wie der Spuk anfing, hört er auf. Weg sind sie, die Schlangen, Richtung Minervatempel.

Die war’s also. Aber Vergil verzichtet einmal ganz auf eine Götterhandlung, liefert weder Motivation noch Erklärung, außer der implizit offensichtlichen, dass Laokoon mundtot (na ja, nicht nur) gemacht werden soll. Wichtig ist nur die Wirkung der Szene auf die Trojaner: Die sind entsetzt, schockiert; und dann, treu ihrem Wunschdenken und endgültig konditioniert durch Sinon, verbuchen sie das Ganze als gerechte Strafe an Laokoon für die Verletzung des Weihepferdes. Oh Mann!

Also: Rein mit dem Pferd!

von Caveat Lector
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Montag, 21. april 2008

Hurra, Buch 2! Und Aeneas beginnt seine Erzählung. Wir lehnen uns zurück, hören zu und lassen uns was vom Pferd erzählen.

Dem Trojanischen Pferd, versteht sich, das, sinnentstellend verkürzt zum „Trojaner“, als EDV-Allerweltsbegriff gerade eine erstaunliche zweite Karriere erlebt. Das Pferd ist vielleicht der tiefste Grund, warum die Römer sich in den Trojanern wiedererkennen und sie zu ihren Ahnherren erklären. Weil es nämlich einen ins Positive gewendeten nationalen Minderwertigkeitskomplex der Römer perfekt repräsentiert. Minderwertigkeitskomplexe werden ja gern ins Positive gewendet.

Römer sind, das würden sie als erste zugeben, von Hause aus nicht besonders spritzig. Strebsam, tüchtig, würdevoll sind sie, wollen sie sein, und mit diesen Qualitäten landen sie, das muss ihnen der Neid lassen, einen der größeren zivilisatorischen Erfolge der Weltgeschichte. Man muss das nicht mögen; aber einiges spricht dafür, dass wir heute noch davon zehren. Besonders anerkennen muss man, dass sie die griechischen Kulturleistungen bei ihrer militärischen Übernahme der antiken Welt nicht annulliert haben, wie es sonst Sitte bei Überzeugungstätern ist, sondern übernommen haben, als etwas, das ihnen in ihrem Portfolio noch fehlte. Pragmatiker mit Sinn fürs Höhere: Es gibt noch Schlimmeres, wenn du mich fragst.

Wie aber lebt es sich als intellektuell besiegter Sieger? Darüber haben die Römer selbst am meisten nachgedacht. Wenn einem der griechische Sklave das Lesen, Schreiben, Reden und Philosophieren beibringen muss, kommt man ins Grübeln.

Also: Der Minderwertigkeitskomplex provoziert die Schaffung eines positiven Selbstverständnisses. Wir Römer sind gerade Kerle. Mag man sonst von uns sagen, was man will, Doppelzüngigkeit, Pfiffigkeit, Lug und Trug: So etwas machen die anderen.

Die anderen, klar, das sind die Griechen. Hie Aeneas, da Odysseus.

Und so lässt Vergil hier Sinon, den griechischen Geheimagenten, sehr ausführlich zu Wort kommen, damit der Leser

            "am Frevel des einen"

das ganze Volk erkennen lerne.

Dabei könnte man doch genauso gut argumentieren, dass es einfach nur grunddumm von den Trojanern war, auf ein Holzpferd hereinzufallen. Aber wenn man, nach zehn Jahren Belagerung und Krieg, glaubt, dass es endlich überstanden ist (rührend, wie die Trojaner als Bildungstouristen der ersten Stunde gleich das Schlachtfeld besichtigen gehen: „Da hat Achill gezeltet!“), dann will man sicher an alles Mögliche glauben, auch, dass man zur Entschädigung noch so ein schönes Weihegeschenk abgestaubt hat.

Trotzdem! Der gute Laocoon kapiert so schnell, was los ist: Da stecken Griechen im Pferdebauch! Bingo! Aber keiner will’s hören.

Eine verwickelte Geschichte, armer Laocoon. Davon bald mehr.

 

 

 

von Caveat Lector
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Samstag, 19. april 2008

Mütter meinen es ja gut. Wie oft hat man sich das im Leben schon klar machen müssen, wenn man gerade wieder vor Scham in den Boden versinken mochte: Sie hält aber schön warm, die Zipfelmütze, und orange steht dir einfach! Mütter meinen es gut und wollen Söhnlein vor Schaden bewahren. Auch das längst ausgewachsene Söhnlein. Gefahr droht immer und überall, und am gefährlichsten sind die Frauen. Mutti muss es ja wissen. Wie man den Spross vor diesen Biestern schützt, dazu hat natürlich jede Mutter ihre eigenen Vorstellungen und Talente.

Venus ist, wie wir wissen, eine sehr besorgte Mutter. Und von den besonderen Talenten von Venus wissen wir auch. Ihr Feld ist die Liebe, da ist sie die unbezweifelte Autorität. Was liegt da näher, als ihren Sohn einfach dadurch vor Ärger zu bewahren, dass man dafür sorgt, dass die gefährliche Dame sich in ihn verliebt?

Klar, Venus! Einfach vor Ärger bewahren durch Liebe. Alles, was recht ist, das ist doch ein pathologischer Fall von Betriebsblindheit! Liebe ist einfach und bewahrt vor Ärger? Alle mal die Hand hoch, die diese Erfahrung gemacht haben! Keiner? Siehste.

Wie soll das denn weitergehen? Da war doch was? Schicksalsplan? Römer machen? Aber Venus ist halt Venus, Schicksalsplan, Schmicksalsplan. Die gefährliche Frau da unten soll sich in meinen Sohn verknallen, dann tut sie ihm erst mal nichts.

Kleine Kinder mit alleinstehendem Papa kommen gut, das wissen wir. Ist der süüüß! (Jetzt bitte nicht nachrechnen, wie alt Ascanius der Chronologie nach sein müsste, und ob er nicht eher ein nicht ganz so süßer Pubertierender ist. Er ist klein und süß, Punkt). Als Göttin hat man aber noch ganz andere Möglichkeiten: Gott Amor (Venusens göttlicher Sohn, der mit den Pfeilen und, wie sie ihm bei der Gelegenheit einreibt, (Halb-)Bruder von Aeneas) wird temporär gegen Ascanius ausgetauscht und darf sich Dido bei der Party persönlich auf den Schoß setzen.

Denn Dido ist eine harte Nuss. Sie hat ihrem Mann Sychaeus, der von ihrem bösen Bruder ermordet wurde, damals in der alten Heimat, ewige Treue über das Grab hinaus geschworen und hat das, die Phrase wiederholt sich, wenn es um Dido geht, auch so gemeint.

Aber jetzt nimmt alles seinen Lauf. Die Party hat begonnen, das Ambiente stimmt (Essen, Trinken, Gold, Glitzer, Kerzenlicht), und Ascanius/Amor lässt sich von der Königin knuddeln und verseucht sie dabei in aller Ruhe mit seinem Gift. Es wird eine Liebesromanze geben...

Doch zunächst darf Aeneas von seinen Abenteuern erzählen. Zwei Bücher lang.

von Caveat Lector
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Freitag, 18. april 2008

Dido. Wunderschön Prächtige. Ihr Auftritt spricht Bände. Gerade hat Aeneas sich auf dem Mauerbild die Amazonenschlacht angeschaut: Penthesilea, erotisch und brandgefährlich. Kaum guckt er sich um, da kommt Dido, herrliche Königin von Karthago. Dass sie gleichfalls nicht nur schön ist, sondern dass man sie ebenfalls nicht gern zur Feindin haben möchte, diese Assoziation hat sich bei uns, lieber Mitleser, prompt eingestellt. Aeneas, ohne dass ich zu viel verraten möchte, wird noch etwas länger dafür brauchen. Einstweilen ist er einfach nur beeindruckt: Umrahmt von ihrem Gefolge schreitet Dido einher wie eine Göttin. Und was für eine Göttin: Diana, Herrscherin der Wälder und der Nacht, hochgewachsen, unnahbar und sehr flink mit Pfeil und Bogen, der ganze Stolz Latonas, ihrer Mutter. Wessen ganzer Stolz war Dido noch mal?

Dann thront sie, die Königin, verteilt die Arbeit und spricht Recht. Das hat schon was, jemandem zuzuschauen, der seinen Job beherrscht.

Ist sie auch noch nett? Und ob! Gerade jetzt erscheinen Aeneas’ im Sturm verloren geglaubte Gefährten zur Audienz, und Dido ist die Umgänglichkeit in Person, heißt sie willkommen, verspricht ihnen jede erdenkliche Hilfe und meint das auch so. Ein Suchtrupp für Aeneas soll gleich losgeschickt werden.

Aeneas, der Verantwortungsvolle, hat, nebenbei bemerkt, sehr rasch das Interesse an Dido verloren, als er seine Mannen erblickt; denen will er unbedingt die Hand schütteln.

Jetzt teilt sich die Wolke, und da steht er vor Dido, selbst ebenfalls wunderschön; denn Mutter Venus hat ihn für sein Erscheinen ein wenig aufgefrischt. Eine Expertin wie Venus macht das übrigens mit ein paar einfachen, aber zielsicheren Handgriffen: Frisur, gut durchblutete Wangen, das gewisse Etwas in den Augen, fertig. Das sollten wir anderen Rohdiamanten uns vielleicht merken.

Dann stellt er sich vor, lobt Dido über den grünen Klee, sagt, die Götter würden’s ihr lohnen. (Ach Aeneas, das mit den Göttern ist so eine Sache). Die Kombination von hübscher Kerl mit tiefer Wunde bleibt (natürlich, das klappt immer) auch bei Dido, der Erhabenen, nicht ohne Wirkung: Sie staunt, obstipuit (während Aeneas Männerhände schüttelt) und kann gar nicht verstehen, wer denn nur ihm das Leben so schwer macht. Dramatische Ironie pfundweise: Juuunoo, deine Juno, möchten wir ihr (und Aeneas) zurufen, die mit dem schicken Tempel hier – aber sie hören ja nicht auf uns.

Herzensfreundlich ist Dido zu Aeneas. Für den Abend wird prompt eine Party arrangiert.

Kann das so zuckersüß harmonisch bleiben? Blöde Frage.

von Caveat Lector
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Donnerstag, 17. april 2008

Venus hat ihren Sohn und Achates, seinen Begleiter, unsichtbar gemacht, damit die beiden erst einmal ganz gespannt die Lage in Karthago peilen können. Das wäre gar nicht nötig; es ist ja dafür gesorgt, dass alles friedlich bleibt in der fremden großen Stadt, aber sicher ist sicher. Und es verschafft Aeneas später einen spektakulären Auftritt.

Nach etwas neidvoller Besichtigung der Großbaustelle gelangt man zum Prunkstück der neuen Stadt, dem Junotempel. Und da gibt es, als Wandbildergeschichte – den Trojanischen Krieg, ausgerechnet!

Gut jetzt, dass Aeneas unsichtbar ist, denn er muss weinen. Weinen ist nun wirklich keine Schande. Auch bei Homer wird eifrig geweint, aus Wut, aus Trauer, aus Trotz. Aber Aeneas weint über den ganzen Trojanischen Krieg; das wäre Achilles, fürchte ich, nicht eingefallen.

Ist Weinen eine adäquate Reaktion, wenn man mit der Vergangenheit konfrontiert wird? Ist klar, man kann’s nicht mehr ändern und muss optimistisch den Blick nach vorn richten, nicht wahr? Ach was! Natürlich muss man sich umschauen und weinen, wenn man sich Mensch schimpfen will. Und ich meine keine Krokodilstränen und kein Betroffenheitsgebrabbel. Heulen muss man und schreien, wenn man sich das Elend der Geschichte anschaut!

So etwas Ähnliches sagt Aeneas jetzt auch, und bricht damit einen weiteren unendlichen Philologenstreit vom Zaun:

Sunt lacrimae rerum

Au weia, über diese Wörtchen gibt es erbitterte Kämpfe. Seine Tränen, anderer Leute Tränen, oder weinen am Ende die Dinge selbst? Und was sind das überhaupt für Dinger, diese Dinge?

Eigentlich ist ja die lateinische Sprache schuld. Was macht man denn mit so einem Unwort wie res, das je nach Zusammenhang so gut wie alles oder auch so gut wie gar nichts bedeuten kann? Und mit einem Genitiv, der noch mal ein Dutzend Übersetzungsmöglichkeiten bietet?

Jetzt kommen, wie nicht zu vermeiden, meine 0,05 €:

Natürlich redet er nicht von seinen Tränen, und Dinge weinen auch nicht. Er sagt zu seinem Begleiter, dass es Grund für Hoffnung gibt, weil auch hier in Karthago Menschen mit der Fähigkeit zu menschlichen Regungen leben.

Im Kontext heißt die Stelle:

En Priamus! Sunt hic etiam sua praemia laudi;
sunt lacrimae rerum et mentem mortalia tangunt.

Schaue den Priamus doch! Auch hier ist Lohn dem Verdienste!
Hier sind Thränen dem Leid', und das Herz rührt menschliches Schicksal!

Priamos ist der gute König von Troja. Priamos, der Nachts zum Feind Achill kommt, um von ihm die entstellte Leiche seines Sohnes Hektor zu erbetteln. Auch hier in Karthago, sagt Aeneas, gibt es gebührende Anerkennung für Heldentaten, Mitleid für Leiden, und überhaupt: menschliche Reaktionen auf Menschliches. Parallel gebaut sind praemia laudi und lacrimae rerum (wie gesagt, res: Dingens; das, was sich so ereignet; die menschliche Geschichte); das dritte Glied liefert eine verallgemeinernde Zusammenfassung: Menschen reagieren hier menschengemäß auf das Schicksal von Menschen (mortalia: „Sterbliches“. Weil das unser gemeinsames Schicksal ist). Wo das der Fall ist, ist man jedenfalls nicht völlig in der Fremde.

In der Antike scheint es übrigens selbstverständlich, dass Schreckensbilder Schrecken erregen. Schön.

von Caveat Lector
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