Wir haben den Untergang Trojas und damit Buch zwei von zwölf schon fast geschafft.
Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen motivationsarm; schließlich lesen wir aus Spaß an der Freud, oder? Ein wenig Begeisterung von mir zu erwarten, daran hast du dich, lieber Mitleser, vermutlich (hoffentlich!) gewöhnt.
Um mit der Wahrheit herauszuplatzen: Ich habe ein Problem mit der Kreusa-Episode; nämlich: sie gefällt mir nicht, die Episode. Ich finde sie grottenschlecht. Punktum. Da hänge ich mich natürlich weit aus dem Fenster. Wer bin ich denn, dass ich an Vergil herumkrittele? Aber Blogger dürfen ja so gut wie alles schreiben, deshalb bin ich mutig: Wer ich bin? Jemand, der die Aeneis so faszinierend findet, dass ihm ihre paar Schwachstellen fast schon körperlich wehtun. Es mag ja sein, dass ich einfach noch nicht den rechten Zugang zum Ende von Buch 2 gefunden habe (Wer will helfen? Bitte Kommentar schreiben!), aber mir stellt sich die ganze Geschichte plump als schriftstellerisches Problem mit 08-15-Lösung dar:
Problem: Kreusa muss weg. Aeneas wird als Single gebraucht, erstens für die sich anbahnende Affäre mit Dido (Vergils Idee), und zweitens für die Verheiratung mit der ortsansässigen Königstochter im Gelobten Land (Sagentradition, Verbindung Trojaner-Ureinwohner als Ursprung Roms). Implikationen des Problems: Aeneas darf nicht als herzlos dastehen und Kreusa einfach abschreiben; denn er ist pius, und dazu gehört auch, dass er ein liebender, treusorgender Ehemann ist. Retten kann er Kreusa aber auch nicht, wg. siehe oben.
Lösung: Er verliert Kreusa im Gewühl, rettet erst mal Vater, Sohn und Penaten, und geht dann heldenmutig zurück in die brennende Stadt, um seine Frau zu holen. Wie lange soll er nach ihr suchen? Stundenlang, tagelang, bis es zu spät ist? Geht nicht. Wie wär’s mit einer Erscheinung? Klar, machen wir: Kreusa darf als Untote noch einmal auftreten; echt genug für einen Dialog zwischen liebenden Eheleuten, aber ein wenig überlebensgroß, damit der Leser weiß, dass Kreusa nicht mehr ganz echt und die Sache für sie gelaufen ist. Als frisch gebackener Geist schickt sie Aeneas weg und verrät ihm sogar (Wo haben die Geister eigentlich immer alle diese Informationen her?), dass eine andere Frau für ihn schon bereitliegt. Edel. Und Aeneas, damit auch ja klar ist, wie sehr er Kreusa retten will, grabscht noch ein paar Mal nach dem Geist, der sich, geistertypisch, nicht grabschen lässt – und geht dann ab, was soll er auch machen.
Das ist sauberes schriftstellerisches Handwerk, aber – sorry, Vergil! – mehr auch nicht. Wenn man das Handwerk bemerkt, wenn man das Klappern der Maschine hört, dann ist es nicht gut.
Jetzt habe ich vor lauter Beckmessern die Highlights des Textes fast unterschlagen: Allen voran das Kunstgeschichte gewordene Bild von Aeneas mit Papa Anchises auf den Schultern, der die Penaten hält (Aeneas darf sie, frisch vom Kampf, nicht selbst anfassen, weil er kultisch unrein ist: Das ist ein rechter Ahnherr für die Römer, die immer stolz darauf waren, Weltmeister im Beachten religiöser Vorschriften zu sein), Sohn Iulus an der Hand, Kreusa hintendran (mal nach Federico Barocci googeln). Oder das Elmsfeuer um Iulus’ Haare und der anschließende Meteoriteneinschlag. Oder, mein Favorit, die Szene am Junotempel, wo Odysseus (ausgerechnet!) und Phoenix, Achills Gefährte, während es draußen noch brennt, schon mal ganz buchhalterisch-sachlich die Beute verwalten.
Nun gut; es dämmert der Morgen, Troja ist nicht mehr. Aeneas findet am verabredeten Treffunkt zu seiner Überraschung eine ganze Menge Volk, die mit ihm ziehen will. Buch 3 kann beginnen.
Das Buchende will ich nutzen, um auf einer Unterseite die besprochenen Stellen mit Verszahlen zu indizieren, falls mal jemand gezielt suchen möchte. Meine Überschriften („Artikel kann nicht gespeichert werden. Überschrift fehlt.“) sind möglicherweise nicht immer hilfreich. Buch 3 dann in Kürze!